Münchhausens Venezianische Nacht

Das Haus der Kunst ist mit Einfühlungsvermögen im Geist des „Führers“ gebaut worden und war eine der prunkenden Baulichkeiten, die der „zweiten“ Reichshauptstadt München während der nationalsozialistischen Ära einverleibt wurden. Dient dieser Kunstpalast nahezu das ganze Jahr hindurch als Ausstellungsgebäude vornehmlich modernerer Kunst, so werden alle gebilderten, geschnitzten, gemeisselten und gegossenen Werke aus den Sälen geräumt und in die Kellerräume gebracht, sobald sich der Fasching naht, um Platz zu schaffen für die von Kunststudenten launig-schöpferisch gefertigten, bunten Gehänge und grossflächigen Behängungen, die den zwischen ihnen sich im Tanzschritt Wiegenden den Eindruck verschaffen sollen, in einer gekünstelten und darum unwirklichen, „anderen“ Welt zu sein, die ein groteskes Gemisch von thessalischen Feldern, Blocksberg, Orkus, Nymphäum, Parnass und Elysium bildet. Dementsprechend putzten sich auch jene die Unwirklichkeit suchenden Kostümierungswilligen heraus, drapierten sich als Zigeuner, Kartenleserinnen, Musensöhne, Piraten, Matrosen, Teufel, Engel, Feen, Satyre, Blumenmädchen, Bäcker und dergleichen, und nur einige fühlten sich dem Originellen verpflichtet und tanzen deshalb am heutigen Abend als Napoleon, Stalin oder gar als Hitler aus der Reihe. Des Geteufels ist also genug vertreten, die Ausgelassenheit lässt nichts zu wünschen übrig, Wein, Bier und Saftgetränke fliessen reichlich, Würstchen und Brezeln wird eifrig zugesprochen, die Musik schmettert durch mehrere Räume zugleich, doch in all diesem Gewoge suchen wir ungeduldig - dass es schon nach zehn Uhr geworden ist - unseren Vordichter, den du, lieber Leser, am gestrigen Abend noch bei seinem geistigen Faschingsgebräu inspiriertest, den wir heute zum Drucker begleiteten und dafür sorgten, dass er noch bis vor Geschäftsschluss seine „molaresken Faschingsgrüsse“ gedruckt in Empfang nehmen konnte, den wir an die richtige Adresse eines Kostümverleihers wiesen und ihm eine angemessene Faschingsgarnitur auszusuchen behilflich waren, den wir noch in einen Spielzeugwarenladen zu gehen hiessen, um sich einen grossen Gummiball zu erstehen, der schliesslich beim Drucker noch in allerletzter Minute mit Druckerschwärze „kanonenkugelecht“ angepinselt wurde. Wo bleibt er nur? Wir warten.


Nun endlich! So schreitet herein, in den Mantel des Winters gehüllet, der weiss-bezopfte, einen Dreispitz tragende Dichter. Ihm zur Seite unter dem Arm ruhet die glänzende, nur halb getrocknete Kugel, sein schwarzes Gefährt. Sich des Mantels an der Garderobe entwunden, besieht sich unser im blauen Dragonerkostüm frederizianischer Zeiten gekleideter Kämpfer. Bis zu den Schenkeln nach oben geknüpfet, entspriesset gigantischen Schuhen weisses Gestrümpf. Um die Schulter geschnallet und auf der rechten Seite hängend, leuchtet im lachenden Rot eines weitgerittenen Postillons Tasche, in welchem auf braunem Papiere zweihundertfach Grüsse des Dichters zum freudeumrauschten Kehraus gedrucket sich finden. Mit Kugel und Tasche bewaffnet, ersteiget der Mondenerklimmer die Treppen des kunterbunt blocksbergigen Parnass. Nun stehet er staunend im festlichen Saal, besieht sich das Treiben der brausenden Schar: Bin ich doch ganz benommen, als Kugelreiterdichter angekommen. Weiss mich nicht einzufügen, muss als Baron gar lügen. Heisse Münchhausen, bin nur maskiert. Mal sehen, wohin mein Stern mich heut’ führt.

 

Aber in dem Rasseln und Prasseln, Quieken und Quaken,

 

dem Jucksen und Schubsen, dem Wabbern und Schlabbern, dem Küssen und Schmatzen, dem Glucksen und Rucksen kommt auch seine poetische Ader aus dem Rhythmus, und er entschliesst sich, seine Postkutschertasche zu öffnen, ihr einen Stapel des närrisch Gereimten zu entnehmen und jeweils einige Exemplare auf die von Geschminkt-Beschwingten umsessenen Tische auszulegen mit Bemerkungen wie: „Darf Münchhausen Ihnen einige von seiner Mondbesteigung mitgebrachte Zopfiaden zur närrischen Einsicht überreichen?“ oder „Darf ein molaresker Faschingsgruss es versuchen, Ihnen diesen Kehrausabend poetisch gereimt widerzuspiegeln?“ So sitzt jetzt mancher der für gereimte oder ungereimte Narreteien Empfänglichen und liest das braunpapierne Gedicht. Und unser Kugelflitzer, dem nun, in der Hitze schwitzend, Puste und Narrengedichte zugleich ausgehen, wird an einen Tisch zurückgerufen, wo sich ihm ein wohlbäuchiger und weissbehemdeter Bacchus vorstellt: „Sehr erfreut, einen echten Dichter an unserem Künstlertisch begrüssen zu dürfen, Herr Baron von Münchhausen. Ich bin der Herr Professor Ungewiss, Direktor hiesiger Kunstakademie. Ihren Namen, werter Molar, muss ich mir merken. Sie haben viel Talent zum komisch Gereimten. Ihre Einfälle sind sprühendspritzig, und Ihr Genius ist von närrischem Geist beflügelt. Sie sollten auf allen frohen Festen verdichteten und geballten Humor zum besten geben, denn dazu scheinen Sie geradezu prädestiniert zu sein. Prost, Herr Dichternarr! Darauf müssen wir trinken! ... dass ich heute abend sozusagen hier als Schutzpatron des Künstlerkehraus fungiere, möchte ich Sie, verehrter Herr Dichterbaron, bitten, Ihre Verse uns allen zu Gehör bringen zu wollen. Kommen Sie mit!“

 

Und Bacchus fasst unsern blauen Dragoner bei der Hand und führt ihn durch das Gewoge der Menge auf die erhöhte Plattform, nimmt dem von vier instrumentierenden Musikanten begleiteten Sänger das Mikrophon aus der Hand - Bacchus, wie könnte es anders sein, hatte dem Weine schon sehr zugesprochen und ist in seinem Mut übermütig geworden - und ruft den ob der plötzlichen Stille Neugierig-Erschrockenen zu: „Des Musikalischen ist schon genug geschehen. So lasst uns jetzt die Taten des Wortes vernehmen, denn unser heutiges Künstlerfest soll von allem etwas bieten. So habe ich die Freude, Ihnen den weitgereisten Lügenbaron von Münchhausen vorzustellen, der unter seinem Pseudonym Molar ein Faschingsgedicht gefertigt hat, welches er, uns zum Vergnügen, nun selbst vorzutragen anstellig wird.“

 

Tausend Hände klatschen. Und Molar hebt an mit seiner weithallenden und lautsprecherbereicherten Dichterstimme. Das Scheinwerferlicht ist allein auf ihn gerichtet. Die schwarze Kanonenkugel trägt er unter dem linken Arm, während die rechte Hand sein karnevaleskes Gedicht hält, das der rezitierende Poet in bedächtiger und ernster Art vorträgt, so dass sich das Komische und Närrische mit dem Grotesken vermischen. Aber die applaudierenden Narren - einige geben ihren Beifall auch durch Pfiffe und Hurrarufe kund - wissen nicht, über was sie mehr klatschen sollen, über den abkonterfeiten Münchhausen, über die Idee einer poetischen Abwechslung inmitten des musikalischen Tongemansches oder über das Närrische des Gedichtes selber samt der grotesken Wiedergabe seines sich nun mit Tusch des Schlagzeugers verbeugenden Schöpfers und Rezitators. Und während die Tanzkapelle wieder einen schnellen Foxtrott zum brodelnden Zerstampfen bringt, schreitet unser beifallumbrandeter Dichter mit stolzem Dreispitzhaupt die Treppe hinunter. Dies war seine erste öffentliche Dichterlesung, und sie geschah sogar vor „ausverkauftem Haus“. Welch namhafter Lyriker deutscher oder anderer Nation aller Zeiten konnte sich je eines so grossen Zuspruchs einer persönlich beiwohnenden Zuhörerschaft an einem einzigen Abend erfreuen? Und unser Beifallsbedachter denkt: Ist dies etwa mein Durchbruch zum Erfolg?

 

0, lieber Molar, wir lieben dich. Aber bitte, lass dich nicht von solchen grotesken Scheinerfolgen verleiten. Du kannst nur erfolgreich werden, wenn es dir in deinem Lebensbuche so vorgeschrieben ist. Aber dafür ist die Zeit noch nicht gekommen. Habe Geduld auch über dein jetziges Leben hinaus.

 

Warum fügst du nicht das Narrengedicht zur allgemeinen Belustigung in unser Werk ein?

 

Nun, deine Frage ist natürlich berechtigt. Auch hätte ich es deutlicher darstellen sollen, dass Münchhausens Zopfiade eigentlich des Lesers Pastille war, dass du ihm in seiner poetischen Stunde als inspirator genii beistandest und somit, mein Lieber, eine Art von anerkennenswertem Gesellenstück liefertest, zu dem ich dir meinen Glückwunsch nicht versagen will. Aber so du dein Scherzgedicht für „buchenswert“ halten solltest, so darfst du es in deiner einst selbst zu fassenden gespiegelten Fassung dem vielleicht fassungslosen Leser in seiner Vorstellung fassbar machen. Ich hoffe, dass du mir verzeihst, wenn ich an dieser Stelle auf die Niederschrift deiner Burleske verzichte, nicht etwa, weil ich anscheinend keinen meiner Lachmuskeln in Bewegung setzen wollte, ganz im Gegenteil. Aber ich bevorzuge etwas vom Humorig-Delikateren und möchte dir hiermit einen gewagten Plan unterbreiten, der es vorsieht, uns wiederum leihweise zu „vermenschlichen“, das heisst, dass wir uns anschicken sollten, der Venezianischen Nacht selbst als inkarnierte und somit „ansichtige“ Gästegeister beizuwohnen, uns also in das Haus der Kunst „gestaltet“ zu begeben und dort ein wenig auf dem Parkett gleich wie auf einer Bühne des Lebens mitzuagieren, um, etwas Schabernack treibend, uns mitzuergötzen an allem, was uns an Molareskem nützlich und verheissungsvoll dünken könnte. Wir haben auch keine Materialisierungsgeister zur Mithilfe zu bemühen, denn unser Geist vermag in seiner Vorstellung alles. Begeben wir uns also vorstellenderweise in die Vorstellung und stellen uns den darin Behafteten als Gäste aus einer höheren Vorstellung vor, ohne den uns vorzustellenden Vorgestellten dabei - und das dürfen wir nicht vorzustellen unterlassen - ihre Vorstellung des Vorgestellten zu konfundieren, indem wir ihnen etwas Neues sich vorzustellen vorstellen würden. Hoppla, bin ich etwa gerade selbst inspiriert worden? Wer ist wohl mein Autor? Auch meine Wirklichkeit ist eine widergespiegelte. Das ist unser aller Los. Vielleicht werde ich auch nur zum Narren gehalten, wo ich selbst närrisch zu sein glaubte. Nun, wie dem auch sei, ich komme mir auf jeden Fall ganz vernarrt vor und halte es also für das Beste, diese augenblickliche Stimmung auszunützen und selbst eine Närrin abzukonterfeien, während du einmal unseres Vordichters „ferne Geliebte“ spielen solltest, dass du ja sowieso den Leser oder vielmehr die Leserin vertrittst und als solcher oder als solche darüber hinaus „aus erster Hand“ lesen darfst. Überlegen wir uns also noch schnell unsere Rollen und tauchen hinein in die venezianische Nachmitternachtsvorstellung.